Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,
oft ist zu lesen, dass eine historische Person „vergessen“ sei. Ich bin da, vielleicht auch von Berufs wegen, eher skeptisch. Das Etikett der Vergessenheit wird von den Medien gerne verteilt, um für das breite Publikum eine Person interessanter zu machen und den Bericht über sie exklusiver erscheinen zu lassen. Dabei war und ist die betreffende Person etwa im stadthistorischen Bewusstsein durchaus präsent.
Der Protagonist des diesmaligen Artikels des Monats jedoch scheint tatsächlich von der Stadtgeschichte (fast) vergessen worden zu sein. Anlässlich seines 200. Geburtstags in diesem April bringt das Frankfurter Personenlexikon seine Biographie – zugegebenermaßen mit der Absicht, ihn und seine Lebensgeschichte für Sie, liebe Leserinnen und Leser, interessant zu machen.
Artikel des Monats April 2026:
Netzwerker für die Kunst in Frankfurt
Er prägte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Frankfurter Kunstszene – mit sichtbaren Wirkungen bis heute: Ludwig Kohlbacher. Der Frankfurter Metzgersohn hatte zunächst eine Ausbildung zum Kupferstecher am Städelschen Kunstinstitut absolviert, bevor er sich dem Kunsthandel zuwandte. Im November 1852 veranstaltete der 26-Jährige seine erste Ausstellung, in der er, zum zweiten Mal überhaupt in Frankfurt, Werke von Gustave Courbet zeigte. Als Kunsthändler vertrat und förderte Kohlbacher über eine lange Zeit hinweg etwa Anton Burger und Jakob Fürchtegott Dielmann, die in den ausgehenden 1850er Jahren die Kronberger Malerkolonie begründeten.
Zum Jahresbeginn 1855 wurde Ludwig Kohlbacher als Inspektor des damals als Aktiengesellschaft neubegründeten Frankfurter Kunstvereins angestellt. In dieser Position, die er bis zu seiner Pensionierung 1889 innehatte, betreute er die stets laufenden Ausstellungen des Kunstvereins, die vor allem Werke zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen präsentierten, nicht nur zum Anschauen für das Publikum, sondern auch zum Verkauf an öffentliche wie private Sammlungen. Als Inspektor des Kunstvereins veranstaltete Kohlbacher zudem regelmäßig Auktionen, etwa aus dem Nachlass von Frankfurter Künstlern, Kunstsammlern und -sammlerinnen.
Weiterhin auch als selbstständiger Kunsthändler tätig, reiste Kohlbacher zu Kunstauktionen im In- und Ausland, insbesondere in Paris, Wien, London und Brüssel, und arbeitete mit internationalen Kunsthändlern zusammen. Dadurch konnte er zahlreiche qualitätvolle Bilder an Kunstsammlerinnen und -sammler im Rhein-Main-Gebiet vermitteln, wobei er vornehmlich das Interesse an Gemälden alter Meister förderte. Für das Städel erwarb Kohlbacher so bedeutende Stücke wie das „Idealbildnis einer jungen Dame als Flora“ (um 1520) von Bartolomeo Veneto, „Christus an der Geißelsäule“ (um 1604) von Guido Reni und „Der Geograf“ (1669) von Johannes Vermeer, die bis heute echte Highlights in der Galerie Alte Meister im Städel Museum sind.
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Neu in diesem Monat ist außerdem der Artikel über Eva von Roy, eine vielseitig engagierte Akteurin der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs, die ebenfalls zu Unrecht in Vergessenheit geraten war. Ihre lesenswerte Biographie hat die Autorin Ingeborg Boxhammer für das Frankfurter Personenlexikon aus vielen wiederentdeckten Mosaiksteinchen zusammengesetzt.
Die in loser Folge erscheinende Reihe der Lebensgeschichten von Frankfurter Künstlerinnen im ausgehenden 19. Jahrhundert wird in der aktuellen Lieferung mit dem Artikel über die Porträtmalerin Marie Schultze fortgesetzt, und in der Serie der Senckenbergerinnen erscheint diesmal ein Beitrag über die wissenschaftliche Zeichnerin Gertrud Winter-von Möllendorff, die etwa das Standardwerk „Die fossilen Gehirne“ (1929) von Tilly Edinger illustrierte.
Ein weiterer Artikel für die Aprillieferung wird baldmöglichst nachgeliefert.
Über das Phänomen des „Vergessens“ von historischen Personen ließe sich trefflich weiter philosophieren. Die Beispiele des Kunstvermittlers Ludwig Kohlbacher und der Frauenpolitikerin Eva von Roy in der aktuellen Artikellieferung lassen vermuten, dass eine Person umso eher in Vergessenheit geraten könnte, je mehr es ihr um die Sache geht, für die sie lebt und wirkt. Wer sich dagegen selbst darzustellen weiß, dürfte auch in der Erinnerung späterer Generationen besser dastehen.
Gerne möchte ich die Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass nicht alle Personen, die derzeit keinen Artikel im Frankfurter Personenlexikon haben, vergessen sind. Das FP ist weiterhin im Aufbau. In seiner Datenbank sind über 3.300 Neuvorschläge gesammelt, und fast täglich kommen weitere hinzu. Alle Vorschläge werden nach und nach geprüft und, wenn sie sich als stadthistorisch relevant erweisen, bearbeitet.
Somit wird dem Frankfurter Personenlexikon der Stoff für weitere Artikel nicht so schnell ausgehen, und schon jetzt können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich auf die nächste Lieferung freuen. Voraussichtlich, soviel darf ich verraten, wird darin ein neuer Artikel über einen Ehrenbürger der Stadt Frankfurt erscheinen.
Einstweilen grüßt Sie
herzlichst
Sabine Hock
Chefredakteurin des Frankfurter Personenlexikons
P. S. Die nächste Artikellieferung erscheint am 10. Mai 2026.