Tochter des Kaufmanns
Jacob Rudolf von R. (1830-1890) und seiner Ehefrau Caroline
Ottilie Antonie Beatrice, geb. Heinrich (1834-1917). Mindestens fünf Geschwister: Elisabeth Katharina von R. (1861-1878); Jakob Robert von R. (1862-1910), Reichstagsstenograph; Franz
Felix von R. (1864-1917), Arzt; Rosalie, gen.
Rosa, von R. (1870-?) und Elisabeth, gen.
Elise, von R. (1870-1920), vermutlich Zwillingsschwestern. Ledig. Keine Kinder.
R. erhielt die damals für Töchter gutsituierter Familien übliche Erziehung. Sie wuchs in Braunsberg in Ostpreußen auf, wo sie die evangelische höhere Töchterschule besuchte. Anschließend wurde sie in ein Pensionat in Königsberg geschickt und absolvierte dort einen Fortbildungskurs zu Literatur, Geschichte und Sprachen. Nach der Konfirmation kehrte sie ins Elternhaus in Braunsberg zurück, beschäftigte sich etwa mit Handarbeit, Musik und Malen und wurde im Haushalt unterrichtet, bevor sie für ihren Vater, der eine kleine Likörfabrik betrieb, kaufmännische Tätigkeiten übernahm. Nach dem Tod des Vaters im Januar 1890 wurde R. von ihrer Mutter die Geschäftsführung des elterlichen Betriebs übertragen, wofür sie sich im Fernunterricht buchhalterisch fortbildete.
Um 1895, nach dem Verkauf des Unternehmens und der Grundstücke aus Familienbesitz in Braunsberg, ging R. nach Berlin, wo sie u. a. als Buchhalterin arbeitete. Im Anschluss sammelte sie Berufserfahrung in England, kehrte jedoch nach einem Dreivierteljahr zur Familie zurück und lebte fortan mit Mutter und Schwester in Königsberg. Dort machte sie sich spätestens ab 1901 – zunächst ehrenamtlich – für die Rechte weiblicher Angestellter stark. Sie ließ sich als Erste Vorsitzende in den Vorstand des „Kaufmännischen und gewerblichen Hilfsvereins für weibliche Angestellte“ wählen, offenbar gleichrangig mit dem ebenfalls als Erster Vorsitzender amtierenden Altorientalisten Felix Peiser (1862-1921), dessen Schwester Bona Peiser (1864-1929) seit 1895 die Bibliothek des „Kaufmännischen Verbands für weibliche Angestellte“ in Berlin leitete. Für ihre Tätigkeit im Verein bildete sich R. an der Königsberger Universität in Volkswirtschaftslehre weiter. Vor der Tagung des Deutschen Verbands kaufmännischer Vereine unterstützte R. auf einer Sondersitzung am 9.6.1901 in Sonneberg/Thüringen die Bemühungen des Ffter Vereins, mehrere lokale Gruppen zu den „Verbündeten Kaufmännischen Vereinen für weibliche Angestellte“ (Verbündete) zusammenzufassen. Am nächsten Tag nahmen die Vertreterinnen an der Verbandskonferenz der kaufmännischen Vereine in Coburg teil. Dort erntete R., die Vorsitzende des Königsberger kaufmännischen Hilfsvereins für weibliche Angestellte, als Rednerin „stürmischen allgemeinen Beifall, als sie erklärte: das Ziel der Zukunft ist der weibliche Kaufmann“ (Dresdner Nachrichten, 14.6.1901, Frühausgabe, S. 3). Im März 1902 war R. zudem Mitbegründerin des „Vereins für Propagandathätigkeit in der Frauenbewegung“ (später: „Verein Frauenbewegung“) in Königsberg, dessen Vorstand sie bis mindestens 1908 angehörte. R. nahm am Internationalen Frauenkongress teil, der vom 12. bis 18.6.1904 in Berlin stattfand, und hielt dort zwei Referate („Die Frau in Handel und Verkehr“ und „Die Kaufmannsgerichte und die Frauen“). Aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die Organisationsstruktur ging der Berliner „Kaufmännische Verband für weibliche Angestellte“ ab Ende 1905 eigene Wege. Die Königsberger und die Ffter Verbündeten hingegen wuchsen enger zusammen. R. kämpfte auch für das Frauenwahlrecht. Bereits 1902 hatte sie in Königsberg einen Protest gegen das Vereinsgesetz, das Frauen von der Politik ausschloss, mitorganisiert. Nach der Aufhebung jenes Verbots im Mai 1908 wurde sie Vorstandsmitglied in der Königsberger Ortsgruppe des Preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht.
Seit 1908 war R. als Generalsekretärin der „Verbündeten Kaufmännischen Vereine für weibliche Angestellte“ fest angestellt. Gleichzeitig übernahm sie den Vorsitz in der Königsberger Ortsgruppe des Bundes für Mutterschutz. Auf der am 16. und 17.5.1908 in Ffm. stattfindenden Hauptversammlung der Verbündeten wurde R. zur Stellvertreterin der Vorsitzenden Friederike Bröll (1854-1941) gewählt. Der Ffter Verbandskollegin Bröll erteilten Eva und Ottilie von R. im April 1909 eine Vollmacht für die Pflegschaft des erkrankten Bruders bzw. Sohns Felix von R., der in Ffm. behandelt wurde. Möglicherweise aus familiären, aber vielleicht auch aus verbandstechnischen Gründen legte R. im Frühling 1910 ihre Königsberger Ämter in den Ortsgruppen der Verbündeten und des Bundes für Mutterschutz nieder und übersiedelte mit Mutter und Schwester nach Ffm., wo die drei Frauen eine Wohnung Am Schützenbrunnen (heute: Alfred-Brehm-Platz) 8 im Ostend bezogen (ab Adr. 1912). Auch das Verbandsorgan, die von R. seit 1907 herausgegebenen „Mitteilungen der Kaufmännischen Vereine weiblicher Angestellter“, wurde von Königsberg nach Ffm. verlegt. Die Anschrift der Redaktion lautete ab 1.5.1910 Großer Hirschgraben 11, wo auch die Verbündeten und der Ffter „Kaufmännische Verein weiblicher Angestellter“ ihren Sitz hatten. Anfang 1911 kam es zwischen den Verbündeten und dem Berliner „Kaufmännischen Verband für weibliche Angestellte“ durch parallele Ortsgruppengründungen zu Auseinandersetzungen. Auch R. meldete sich zu Wort und verteidigte die Verbündeten, deren Interessen sie weiterhin nachdrücklich vertrat. Für Bekanntheit von R. auch im Westen sorgte im Januar 1912 eine größere Vortragsreise durch das Ruhrgebiet. Zusammen mit der Kasseler Funktionärin Johanna Waescher (1858-1935) gab R. 1912 eine Denkschrift der Verbündeten mit einem Rückblick auf die ersten zehn Jahre der Verbandsgeschichte (1901-11) heraus. Als sich am 19.3.1912 ein „Ffter Pfadfinderinnenverein für Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren“ gründete, wurde R. in dessen Vorstand gewählt. Im Herbst 1912 sortierten sich die Angestelltenverbände und damit auch die Frankfurter Ortsgruppe der weiblichen Angestellten neu. Die „Mitteilungen der Kaufmännischen Vereine weiblicher Angestellter“ gingen ab dem 1.1.1913 in dem Blatt „Die Handlungsgehilfin“ auf, das im weit entfernten Breslau herausgegeben wurde. Deshalb blieb R. nichts anderes übrig, als sich im Dezember 1912 in der letzten Ffter Ausgabe in aller Form von ihren Leserinnen und Lesern zu verabschieden. Sie nutzte die nun gewonnene Zeit, auch in der Umgebung Vorträge über Frauenstimmrechtsforderungen zu halten. Zudem bewarb sie sich im Februar 1913 für das neu gegründete Frauenseminar für soziale Berufsarbeit. Die Stelle als dessen Leiterin bekam jedoch die Münchner Sozialforscherin und Lehrerin
Rosa Kempf. Am 10.6.1913 gründete sich in Ffm. eine Ortsgruppe der „Vereinigung wissenschaftlicher Hilfsarbeiterinnen“. Diese Organisationsidee hatte die Laborassistentin Elise Wolff im Mai 1912 in Berlin umgesetzt. Die Vereinigung sollte die Ausbildungsmöglichkeiten jener Berufsgruppe verbessern und Arbeitssuchende mit einer Stellenvermittlung unterstützen. R. wurde zur Vorstandsvorsitzenden der „Vereinigung wissenschaftlicher Hilfsarbeiterinnen“ in Ffm. gewählt und stand dem Ffter Ableger bis mindestens Ende 1917 vor. Anfang Januar 1914 übernahm R. zusätzlich die Aufgaben der ständigen Auskunftstelle für Krankenkassenwahlen, die der Deutsche Verband für Frauenstimmrecht eingerichtet hatte. Unter der Leitung der Ffter Zahnärztin und Vorsitzenden Hanny Loew-Tachauer (1881-1938) referierte R. am 29.6.1914 im Gartenrestaurant des Ffter Hotels Grossmann in der Pfingstweidstraße 6 zur Frage „Ist die Forderung des Frauenstimmrechts zeitgemäß?“.
Mit dem Beginn des Krieges im Sommer 1914 stellten bald auch die Stimmrechtsvereine ihre Forderungen zugunsten der Kriegsunterstützung zurück und schlossen sich dem von Gertrud Bäumer (1873-1954) u. a. ins Leben gerufenen Nationalen Frauendienst an. Auch in Ffm. brachten sich nun zahlreiche frauenbewegte Akteurinnen mit all ihren vielfältigen Kenntnissen in die Kriegswirtschaft ein. R. wurde in der Ffter Ortsgruppe des Nationalen Frauendiensts zu einer der beiden stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Anfang 1915 übernahm sie als Leiterin den 8. Bezirk (Sachsenhausen-West), und im Herbst 1915 rückte sie als Vorsitzende an die Spitze des Ffter Nationalen Frauendiensts, denn die Juristin Anna Schultz (1874-1948), die gleichzeitig als Leiterin der Rechtsschutzstelle für Frauen fungierte, hatte ihr Amt niedergelegt. In jener neuen Funktion schrieb R. am 8.2.1916 an Helene Lange (1848-1930). Sie bezog sich auf eine Auseinandersetzung zwischen Helene Lange und Gertrud Bäumer als Repräsentantinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins bzw. des Bunds Deutscher Frauenvereine (BDF) auf der einen und dem Jüdischen Frauenbund auf der anderen Seite. Der Konflikt war entstanden, weil der Einsatz des Jüdischen Frauenbunds im BDF, dem Dachverband, in der Rede von Helene Lange zum 50. Jubiläum des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) keine Erwähnung gefunden hatte. R. beklagte für den Nationalen Frauendienst den Verlust von
Bertha Pappenheim, der Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbunds, die infolge von Langes Rede aus dem Nationalen Frauendienst ausgetreten sei. R.s Brief zielte darauf ab, Helene Lange zu einer einlenkenden Reaktion zu bewegen, was Lange aber zurückwies. Ende 1916 wählte die Ffter Stadtverordnetenversammlung mehrere Frauen mit beratender Stimme in verschiedene Ämter. Zu diesen Beraterinnen, die im Frühjahr 1917 in die Kommissionen gingen, gehörte R. als eine von vier Frauen für das städtische Arbeitsamt. Für ihren Einsatz während des Ersten Weltkriegs wurde R. mit der Rote-Kreuz-Medaille III. Klasse ausgezeichnet.
1917 starben die Mutter Ottilie von R. und der Bruder Felix von R. So blieben R. und ihre Schwester Elise allein zurück; sie wohnten ab 1918 oder spätestens ab 1920 in der Rat-Beil-Straße 5. Mit dem Beginn der Weimarer Republik wurde es stiller um R. Am 12.7.1920 starben die Schwestern Eva und Elise von R. in ihrer Wohnung in der Rat-Beil-Straße. Ob es sich um einen Unfall oder um einen gemeinschaftlichen Suizid handelte, war bisher nicht zu klären. Die Urnen der Verstorbenen wurden später nach Braunsberg überführt.
Weitere Veröffentlichungen: „Pensionsversicherung der Angestellten“ (offener Brief in: Die Frauenbewegung, 15.12.1907), „Nochmals zur Frage der staatlichen Pensionsversicherung der Privatangestellten“ (in: Die Frauenbewegung, 15.3.1908), „Witwenversorgung oder Ehefrauenversicherung?“ (in: Mitteilungen der Kaufmännischen Vereine weiblicher Angestellter, Dezember 1908), „Die Vorbereitung der weiblichen Jugend auf den kaufmännischen Beruf“ (in: Gemeinnützige Blätter für Hessen und Nassau, 1.12.1910), „Die wichtigsten Bestimmungen aus dem Versicherungsgesetz für Angestellte: gültig vom 1. Januar 1913 an“ (als Mitverfasserin, um 1913), „Der Sommerurlaub der Handlungsgehilfinnen und anderer Privatangestellter. Nach einer Umfrage der Verbündeten Kaufmännischen Vereine für weibliche Angestellte“ (1913) u. a.
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