Tochter des deutschen Konsuls und Zoologen
Otto Franz von Möllendorff (auch: Moellendorff; 1848-1903) und dessen Ehefrau
Anna Johanna Helene Viktoria Betty, geb. Blau (1857-1920). Zwei Schwestern und drei Brüder, u. a.:
Wichard Georg Otto von Möllendorff (1881-1937), Ingenieur, Wirtschaftstheoretiker;
Wilhelm Hermann Wichard von Möllendorff (1887-1944), Anatom; Irmgard von Möllendorff (seit 1925 verh. Lüdeke, 1896-1928), verheiratet mit dem Anglisten und Amerikanisten Henry Lüdeke (1889-1962). Verheiratet (seit 1904) mit dem Druckereibesitzer und Biologen Friedrich Wilhelm W. (1878-1917). Zwei Töchter und ein Sohn.
Gertrud von Möllendorff wurde 1882 in Hongkong geboren und verbrachte ihre Kindheit von 1886 bis 1896 in Manila, wo ihr Vater als deutscher Konsul tätig war. Die Familie übersiedelte dann nach Kowno [heute: Kaunas (Litauen)] und schließlich im Oktober 1901 nach Ffm.
Gertrud von Möllendorff entstammte einer Familie mit enger Verbindung zur Naturforschung. Schon der Großvater Heinrich Ludwig Friedrich Christian
Georg von Möllendorff (1811-1861) hatte als Präsident der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz gewirkt. Der Vater
Otto Franz von Möllendorff befasste sich insbesondere mit der Malakologie (Weichtierkunde). Die Mutter Anna von Möllendorff unterstützte die wissenschaftlichen Arbeiten ihres Mannes. Während der Jahre in China und auf den Philippinen gehörten das Sammeln und das Bestimmen von Mollusken, vor allem von Konchylien (Schalen von Weichtieren), zum Familienalltag. Nach der Übersiedlung nach Ffm. übernahm Otto von Möllendorff die Leitung der malakologischen Sektion der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, wodurch auch Gertrud mit dem wissenschaftlichen Umfeld der SNG in Berührung kam. Der Vater nahm sie oft zu seinen wissenschaftlichen Treffen mit, u. a. mit
Wilhelm Kobelt, der bereits 1902 von „Trudes“ zeichnerischen Fortschritten berichtet und mehrere Tafeln erwähnt, die, von Gertrud von Möllendorff gezeichnet und von ihrer Mutter koloriert, zur Publikation gegeben wurden (Wilhelm Kobelt: Tagebücher. Bd. 8. ISG, S5/169, S. 276.)
Es ist daher anzunehmen, dass Gertrud von Möllendorff von klein auf eine umfassende naturwissenschaftliche Bildung erhielt, die die Grundlage für ihre späteren zeichnerischen Tätigkeiten bildete. Seit 1908 war sie beitragendes Mitglied der SNG. Ihre Arbeit blieb zunächst eng mit dem familiären Kontext verbunden. Sie fertigte weiterhin wissenschaftliche Illustrationen für die Arbeiten ihres (bereits 1903 verstorbenen) Vaters an und war maßgeblich an der Herausgabe seines aus dem Nachlass erschienenen Bands über Landmollusken in dem Werk „Reisen im Archipel der Philippinen. Theil 2: Wissenschaftliche Resultate“ (1914) beteiligt, den sie gemeinsam mit
Wilhelm Kobelt zur Publikation brachte; alle Tafeln in diesem Band wurden von ihr gezeichnet.
Im Umfeld der SNG lernte Gertrud von Möllendorff auch Friedrich Wilhelm W. kennen, der der Gesellschaft seit 1900 als beitragendes Mitglied angehörte und seit 1905 in deren Verwaltung, später (seit 1915) als Erster Schriftführer, tätig war. Das Paar heiratete 1904 in Ffm. Bereits 1900 war Friedrich Wilhelm W. in die Leitung der von seinem Vater gegründeten lithografischen Anstalt und Druckerei „Werner & Winter“ eingetreten, die u. a. Plakate, wissenschaftliche Abhandlungen und die Zeitschrift „Natur und Museum“ für die SNG produzierte. In der Folge arbeitete Gertrud W., u. a. als Zeichnerin, in dem Druckereibetrieb mit.
Nach dem Tod ihres Mannes, der am 8.6.1917 im Kriegsdienst an der Westfront ums Leben kam, wurde Gertrud W. als wissenschaftliche Zeichnerin für die SNG tätig. Zunächst schuf sie für die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Gesellschaft (1918/19) den Buchschmuck und zahlreiche Federzeichnungen, die sie zum Andenken an ihren verstorbenen Mann stiftete. W.s Arbeiten kamen künftig sowohl in wissenschaftlichen Publikationen unterschiedlicher Fachrichtungen als auch im musealen Kontext des Senckenbergmuseums zur Verwendung. Sie fertigte beispielsweise sämtliche Illustrationen für
Richard Kräusels Publikation zu Orchideen (1927) und nahezu alle Zeichnungen für
Tilly Edingers Werk „Die fossilen Gehirne“ (1929) an. Auch etliche Titelseiten der Zeitschrift „Natur und Museum“ bzw. (ab 1934) „Natur und Volk“ sowie Tafeln für die Lehre wurden von W. gestaltet. Zusammen mit
Elli Franz erneuerte sie Ende der 1930er Jahre die entomologische Schausammlung (Insektensammlung) mit ihren Aquarellzeichnungen und Beschriftungen. Auch über die SNG hinaus war W. wissenschaftlich tätig; so erstellte sie Insektentafeln für die Deutsche Gesellschaft für angewandte Entomologie, die zu ihrer fachlichen Bekanntheit beitrugen.
Mit einigen ihrer Kolleginnen verband W. über die berufliche Zusammenarbeit hinaus eine Freundschaft, insbesondere mit
Elli Franz und
Tilly Edinger. Am frühen Morgen des 10.11.1938, nach dem nationalsozialistischen Novemberpogrom, warnte W. ihre jüdische Kollegin
Tilly Edinger telefonisch, sicherheitshalber nicht ins Senckenbergmuseum zurückzukehren, und W. war die Einzige, die
Edinger heimlich besuchte, nachdem diese kurz darauf das Museum nicht mehr betreten durfte und deshalb ihre Mitarbeit aufgeben musste. 1944 gehörte W. zu dem kleinen Team, u. a. mit
Margot Perl und
Elli Franz, das durch monatelange Arbeit die Auslagerung der Sammlung aus dem Senckenbergmuseum ins Ffter Umland ermöglichte.
W. starb in der Silvesternacht von 1945 auf 1946 an einer Hirnblutung. In einem Nachruf werden Qualität und wissenschaftliche Bedeutung ihrer Arbeiten ausdrücklich gewürdigt: Jede ihrer Zeichnungen sei „ein kleines Kunstwerk“, das „auch dem unansehnlichen Gegenstand Reiz“ verleihe. So habe W. „in stillem Wirken, bescheiden hinter dem Werk zurücktretend, wesentlichen Anteil an der Arbeit und den Leistungen ‚Senckenbergs‘“. [Nachruf in: Natur und Volk 77 (1947), H. 1, S. 43.]
Nach W. ist die Landschnecke Cochlostyla (heute: Calocochlea) gertrudis (Möllendorff, Kobelt & Winter, 1912) benannt.
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